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60 Jahre evangelische bergische gefängnis gemeinde

Zum 60-jährigen Bestehen fand am 20. September 2008 in der Anstaltskirche der JVA Remscheid ein Gottesdienst mit anschließender Feierstunde statt. Die hohe Wertschätzung des gemeinnützigen Vereins zeigt sich in der Teilnehmerliste. Unter anderem seien Vertreter des Justizministeriums des Landes NRW, OB der Stadt Remscheid, Evangelische Kirche im Rheinland, Bergischer Kirchenkreis, Diakonisches Werk im Rheinland, Erzdiözese Köln und die Leitung der JVA´s Wuppertal und Remscheid genannt. Als Verteter unserer Gemeinde nahmen die Herren Otto Hahn und Bernd Mackeldanz teil. Der feierliche Gottesdienst wurde durch den Gefangenenchor der JVA Remscheid begleitet, der im Anschluss noch weitere Lieder zum Besten gab. Der Dank für diese wirklich gute Darbietung war ein lang anhaltender Applaus.

Im Anschluss an einige Grußworte traf man sich zu einem gemeinsamen Imbiss. Ohne Vorbehalte standen "Die von Draußen" mit "Denen von Drinnen" zu Gesprächen beisammen. Dies zeigte, dass die Angebote des EBGG von den Gefangenen, die wir  hier kennengelernt haben, angenommen und gewürdigt werden.

Diese ganz offensichtlich gute und hilfreiche Arbeit, die von den Anstaltspfarrern, hauptamtlichen Mitarbeitern und vielen ehrenamtlichen Helfern geleistet wird, verdient unseren Dank. Das für den Verfasser dieser Zeilen neu Erlebte machte es ihm leicht, einen Aufnahmeantrag als persönliches Mitglied auszufüllen ....

Gedanken zur theologischen Begründung der Arbeit der EBGG

von Jochen Schütt, Pfarrer i.R., Erster Vorsitzender der EBGG
Straffälligenarbeit findet im Allgemeinen keine Akzeptanz

Wer sich um Straffällige kümmert, darf sich der gesellschaftlichen Akzeptanz keineswegs sicher sein, im Gegenteil! Allgemein gilt: Wer rechtmäßig verurteilt ist, hat keinen Anspruch auf besondere Zuwendung. Entzug von Zuwendung und Beachtung gehören wie andere Einschränkungen der Lebensbedingungen und der Lebensqualität sozusagen zur verdienten Strafe.

Der Wert jedes Menschen besteht in der Wertschätzung durch Gott

Solche Sichtweise widerspricht allerdings dem christlichen Menschenbild grundsätzlich! Der christliche Glauben bewertet den Menschen nicht nur nach seinen Taten, sondern zuerst und vor allem nach seiner wahren Herkunft. Demnach ist jeder Mensch vor allem Gottes Geschöpf und hat von daher einen unverlierbaren Wert. Gott liebt den Menschen nicht, weil er soviel wert ist, sondern der Mensch ist soviel wert, weil Gott ihn liebt. Und deshalb gilt, was Helmut Thielcke sagte: "Es geht kein Mensch über diese Erde, den Gott nicht lieb hat". Und deshalb kann auch die Frage nach der Schuldeines Menschen nicht die entscheidende Frage sein.

Jesus fragt nicht nach der Schuld

Jesus verspricht dem Schächter am Kreuz das Paradies, ohne ihn nach seiner (schwer mit Schuld beladenen) Vergangenheit zu fragen. Er bewahrt die Ehebrecherin vor der Todesstrafe und verurteilt sie selber nicht, sondern fordert sie auf: "hinfort nicht mehr zu sündigen". Und er fordert in seiner Bildrede vom Endgericht unter anderem dazu auf, Menschen im Gefängnis zu besuchen - ohne die Einschränkung, nur die unschuldig Inhaftierten seien es wert, besucht zu werden.

Jeder Mensch hat Anteile vom Bösen in sich

Zum christlichen Menschenbild gehört außerdem das Wissen darum, dass kein Mensch sich von Schuld oder der Veranlagung zum Bösen freisprechen kann. Die Geschichte von der Sintflut erzählt davon, dass Gott seinen Entschluss, die Erde nicht noch einmal so heimzusuchen, damit begründet, dass "das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens... böse(ist) von Jugend auf" (1.Mose8,21). Jesus verbindet die Aufforderung, Feinde zu lieben, mit dem Hinweis, dass Gott "seine Sonne aufgehen lässt über Gute und Böse" (Matthäus 5,45).

Jeder kann zum Straftäter werden

Wer mit der Einsicht ernst macht, dass auch er/sie Anteile von Bösem in sich trägt, eben weil es zu jedem Menschen gehört, der/die wird eingestehen, dass unter bestimmten Bedingungen auch er/sie zu den Straffälligen gehören könnte. Von daher bekommt das Motto der EBGG noch einmal eine zusätzliche Bedeutung, die über die des Mitgefühls für Strafgefangene hinausgeht: "Denkt an die Gefangenen als (wäret ihr) Mitgefangene", nämlich als Menschen, die -so wie sie- auf Vergebung und Zuwendung angewiesen sind.

Gott urteilt anders

Natürlich verbüßen Strafgefangene in der Regel eine gerechte Strafe. Christen wissen aber auch darum, dass es bei Gott in Bezug auf seine Menschen um eine ganz andere Gerechtigkeit geht. Die "Gerechtigkeit, die vor Gott gilt", wie Paulus es ausdrückt, macht den Ungerechten, den Schuldigen aus Gnade vor Gott gerecht. Er gilt in Gottes Augen als einer, der wieder recht, wieder in Ordnung ist.

Christliche "Resolzialisierung"

Deshalb ist es ein Auftrag, dem sich die EBGG verpflichtet fühlt, Menschen dazu zu verhelfen, das zu sein, was sie um Gottes willen sein sollen: von Gott wert geachtete, zurecht gebrachte und geliebte Menschen, die daraus für ihr Leben Kosequenzen ziehen können.

Zur Geschichte

Im Wichern-Gedenkjahr 1948, drei Jahre nach Kriegsende und zur Zeit der Währungsreform kam es am 26. September im Remscheid zur Gründung der Bergischen Gefängnis-Gemeinde, die von dem Lüttringhausener Anstaltspfarrer, den Superintendenten der Kirchenkreise Lennep, Solingen und Niederberg, sowie der Wuppertaler Gefängnis-Gesellschaft und dem dortigen Anstaltsleiter initiiert worden war.

Die evangelischen Kirchengemeinden gaben eine Erklärung ab, als erstes "Opfer" regelmäßige Beiträge zur Einstellung eines Pfarrhelfers ab Ende Oktober zu entrichten und erhielten dafür als "Gegengeschenk" im Sinne eines lebendigen Brückenschlages von drinnen nach draußen Vorträge des Pfarrers und des Pfarrhelfers in ihren Kreisen über die Arbeit der "Bergischen" in den Anstalten.

In der Erkenntnis, dass die Verkündigung des Evangeliums nicht von der praktischen Tat der Nächstenliebe getrennt sein kann, verrichtete der hauptamtliche Gefängnisfürsorger an der Seite des Anstaltspfarrers seinen Dienst in den Anstalten Lüttringhausen, Opladen, Solingen und Wuppertal.  Stellvertretend für die Gemeinden und Kirchenkreise bestand seine Verantwortung:

1.  in der Betreuung der Gefangenen in den Gefängnissen des Bergischen Landes,

2.  im Beistand für die Familien und

3.  in der Pflege der aus der Haft Entlassenen.

Mit der Einsicht, dass Seelsorge und Diakonie im Bereich des Vollzuges ohne Anbindung an die Gemeinden kaum zu leisten ist und die Gemeinden letztendlich auch für die inhaftierten Glieder weiterhin verantwortlich bleiben, heißt es im Gründungsprotukoll des eingetragenen, gemeinnützigen Vereins, durchaus im Sinne Fliedners und Barths, dass es darauf ankomme, dass "aus den verschiedenen Ortsgemeinden heraus ein lebendiger Kreis von Christen erwächst, der sich um die Gefängnisse des Landes bildet und sich für die Betreuung der Verhafteten und Verurteilten, wie auch der Angehörigen in besonderer Weise verantwortlich fühlt".

Bereits drei Jahre nach der Gründung wird ein zu nie verwirklichter Plan des Justizministeriums und der Konferenz der Evangelischen Gefängnispfarrer Rheinlands und Westfalens durch die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche im Rheinland gutgeheißen, Gefängnisgemeindenim Bereich NRW nach dem Muster der Bergischen Gefängnis-Gemeinde zu bilden.

"Gäbe es die Bergische nicht schon, so müsste sie ein genialer Mensch erfinden", so ein langjähriger Gefängnisseelsorger.

Grundlegende Ideen und das Fundament der Gemeinde haben sich in sechzig Jahren nicht geändert, auch wenn natürlich zeitgemäß die Schwerpunkte der Arbeit zum Teil erweitert oder verändert wurden. Die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit des Einsatzes wurde bis auf eine kurze zeitliche Episode der Bildungs- und Personaleuphorie der 70er Jahre nie bestritten.

Auch die Organisation der EBGG hat sich über Jahrzehnte hinweg bewährt; dies auch, wenn nunmehr Diakonische Werke, das Wichernhaus und die Gesa Mitverantwortung für die Gemeinde übernommen haben. Für die Kontinuität der Arbeit spricht auch, dass Vorstands- und Beiratsmitglieder über lange Zeiträume ihre Arbeit wahrgenommen haben oder dass mit den beiden derzeitigen hauptamtlichen Trägern erst der vierte und fünfte Mtarbeiter ihren Dienst versehen.

Spenden

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Bankverbindung:
Evangelische Bergische Gefängnis-Gemeinde e.V. (EBGG)
KD-Bank eG
BLZ 65060190
Konto 1012079016