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6.02.15

Immer mehr Kirchenaustritte?

Die Evangelische Kirche im Rheinland wollte es wissen und frug nach, was an den Darstellungen dran ist, dass es kontinuierlich mehr Menschen gibt, die aus der Kirche austreten. Ausserdem ging sie den Gründen für die Kirchenaustritte nach.

Nach einer statistischen Auswertung ergaben sich in den vergangenen Jahren folgende Austrittszahlen, die kaum einen Anhalt für eine "stetige Steigerung" bieten:

1990 = 18.441
2000 = 22.501
2011 = 14.747
2012 = 13.915
2013 = 19.005

Für 2014 gibt es noch keine belastbare Zahl, vermutlich muss aber davon ausgegangen werden, dass die Zahl für 2014 um rund 50 Prozent höher ausfallen wird als im Vorjahr.  Diese Steigerung steht vermutlich im Zusammenhang mit dem veränderten Verfahren zum Einzug der bereits seit 2009 fälligen Kirchensteuer auf Abgeltungssteuer steht. Dies haben einzelne Ausgetretene angegeben, aber es gibt dazu keine statistische Erhebung.

Insgesamt sind die Ursachen für Kirchenaustritt sind überhaupt nicht auf einen einzelnen Grund zurückzuführen. Vielmehr haben sich die Grundhaltung und die Rahmenbedingungen verändert: Vor einigen Jahrzehnten noch war Kirchenaustritt ein Tabu - "man machte das nicht". Kinder verheimlichten den Kirchenaustritt vor den Eltern, weil sie fürchteten, dass die Nerven der Eltern den Schock nicht verkraften würden. Dieses ist nun nicht mehr so.

Auch gibt es eine veränderte Einstellung zur Beteiligung an sich, aber auch das veränderte Mobilitäts- und Kommunikationsverhalten führt dazu, dass Verbindungen anders gepflegt werden: In ländlicheren Gebieten gehörte die Mitgliedschaft im Schützen- und Kaninchenzüchterverein wie auch in der Kirche zum Leben, wie der Gottesdienst- und Stammkneipengang zum Sonntag. Der Strom kam von den Stadtwerken, die Telefonrechnung von der Post und das Geld war auf der Bank, auf der schon das Geld der Eltern gewesen war. Die Veränderung dieser Grundhaltung ist nicht schlecht oder gut, sie ist einfach eine Tatsache, mit der sich nicht nur die Kirchen auseinander setzen müssen. Für die Zahl der Mitglieder insgesamt natürlich noch bedeutender als Kirchenaustritte ist der demografische Wandel.

In der heutigen Großstadt fallen Lebensraum und sozialer Bezug auseinander – auch der Glauben wird privat gelebt und die Kirche als Institution genau so kritisch betrachtet, wie die Bank oder der Stromanbieter. In dieser Konstellation fällt es den Kirchen schwerer, Menschen zu erreichen und wohlmöglich zur Beteiligung zu gewinnen – und den Menschen fällt der Schritt leichter auszutreten, weil auch die Verbindung nicht mehr bewusst erlebt und schon gar nicht mehr öffentlich gelebt wird. Im Gegenteil wird das öffentliche Leben religiöser Empfindungen zunehmend als wenig förderlich für Stabilität und Zusammenhalt empfunden: der religiöse Hintergrund der Kriege im Nahen Osten tut hier ein Übriges, nicht nur Fundamentalismus und Extremismus, sondern religiöse Überzeugung an sich mit Skepsis zu sehen.

Im Zusammenhang mit der Abgeltungssteuer spielt keineswegs nur das Geld, sondern auch der gefühlt nicht mehr existierende Schutz persönlicher Daten eine Rolle: dass es den Kirchen nicht gelungen ist, glaubhaft zu kommunizieren,  dass die Religionszugehörigkeit nicht an die Banken übermittelt wird, liegt nicht daran, dass die Menschen den Kirchen grundsätzlich nicht mehr glauben. Vielmehr glauben sie grundsätzlich nicht mehr an den Schutz persönlicher Daten. Der Kirchenaustritt war für viele auch eine Botschaft, dass sie – ausgerechnet im Zusammenhang mit intimsten Bereichen Glauben und Geld (Existenz) – die informationelle Selbstbestimmung verletzt sehen: sie wären lieber gefragt worden, ob sie dem Verfahren zustimmen, statt sich umgekehrt gegen das Verfahren aussprechen (wehren) zu müssen. Da das Verfahren nun umgesetzt ist, ist dieses Anliegen jetzt nicht mehr erfüllbar. Umso bedeutsamer ist die Information darüber, dass persönliche Daten nicht übertragen werden, sondern lediglich Merkmalsschlüssel.

(Quelle: Jens Peter Iven, Pressestelle der EKiR am 6. Feb. 2015)